Wer andern eine Grube gräbt (Erzählung)Wer andern eine Grube gräbt (Erzählung)

Wer andern eine Grube gräbt (Erzählung)

Die Kinder im Kindergarten sitzen im Stuhlkreis. Frau Sommer, die Erzieherin, hatte schon angekündigt: »In den nächsten Tagen schauen wir uns ein paar Sprichwörter an und überlegen, was sie uns sagen wollen.«

Heute ist es so weit. Sie sagt: »Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein.«

»Das kenne ich!«, meint Maria. »Da hat meine Mama mir mal eine Geschichte vorgelesen von einem Fuchs und einem Hasen. Der Fuchs wollte den Hasen hereinlegen, aber dann ist er selber in das Loch gefallen. Aber genau kenne ich die Geschichte nicht mehr.«

»Gut«, sagt Frau Sommer. „Diese Geschichte kommt in meinem Buch auch vor. Es ist eine Fabel. Fabeln sind Geschichten, in der Tiere wie Menschen reden und das machen, was Menschen auch machen. Ich möchte euch diese Fabel auch erzählen. Hört einmal zu …

Die Fabel vom Fuchs und vom Hasen.

Ein Fuchs sah einen Hasen des Weges hoppeln. Da denkt sich der Fuchs eine List aus. Er wusste, dass nicht weit von seinem Fuchsbau entfernt ein tiefes Loch im Boden war. Er fragte den Hasen: »Wollen wir nicht zusammen etwas unternehmen? Schon lange wollte ich dir eine Stelle zeigen, wo die dicksten Möhren wachsen.« Der Hase freute sich und sagte: »Au ja – ich komme mit.«

Der Fuchs zeigte ihm die Richtung und sagte: »Lauf nur schon voraus. Du bist sowieso schneller als ich.«

Der Hase machte sich also auf den Weg, und der Fuchs folgte ihm.

Doch im letzten Moment bemerkte der Hase das Loch im Boden. Mit einem riesigen Satz sprang er drüber. Der Fuchs aber hatte vor lauter Scha-denfreude nicht richtig aufgepasst. Und plötzlich war das Loch da. Der Fuchs schaffte es nicht mehr, drüber zu springen und – plumps – fiel er in das Loch hinein.

Der Fuchs jaulte: »Hol mich hier raus!« Der Hase aber hatte gemerkt, dass der Fuchs ihn nur hereinlegen wollte. Und herausholen konnte er ihn auch nicht. Also sagte er zu dem Fuchs: »Da musst du selber wieder herauskommen«, und hoppelte davon.

Gibt es das auch bei den Menschen?

»Das war die Geschichte«, sagt Frau Sommer. »Was meint ihr, gibt es so etwas auch bei den Menschen?«

Zuerst ist es ganz ruhig in der Runde. Dann meldet sich Leon. »Ich habe eine Idee. Es ist mir selber passiert.« Dabei verzieht Leon sein Gesicht. »Da bin ich aber gespannt«, meint Frau Sommer. »Erzähl doch einfach.«

»Weißt du, einmal habe ich meinem Bruder Alex den Cityroller weggenommen. Er hat gesagt: ›Das darfst du nicht, weil Cityroller nur für große Kinder sind.‹ Das hat mich geärgert und ich habe ihn einfach geschnappt und bin losgefahren. Und gleich vor dem Haus bin ich ganz böse hingefallen. Ich habe einen richtigen Überschlag gemacht.«

»Oh«, sagt Frau Sommer, »das hat bestimmt weh getan.« – »Ach, es war nur eine kleine Schramme am Knie.« – »Aber du hast recht«, meint Frau Sommer, »es ist ein bisschen so, wie in dem Sprichwort Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein. Möchte noch jemand etwas erzählen?«

Die Kinder sitzen da und überlegen angestrengt.

Ob ihnen noch etwas einfällt?

Harald Carl

  • Autor: Daniel Müller

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